Schulalltag

Frau Helmutsdóttir soll auf Klassenfahrt

Jedenfalls wünscht sich das meine Klasse.
Ich bin noch nicht so richtig davon überzeugt. Erstens, weil die Klasse nicht 100%-ig zuverlässig ist; zweitens, weil ich ich die Anstrengung und den Stress etwas scheue und drittens, weil mich die gesamte Organisation doch etwas schreckt.

Als Gerald Wenge (@U_Hospitationen) dann auf Twitter nach Rezensent*innen für sein und Dr. Heiko Reichelts neues Buch „Klassenfahrten – Exkursionen – Wandertage. Schülerorientiert und rechtssicher planen, durchführen und abrechnen“ fragte, hob ich also sehr schnell die Hand. Dann wäre ja vielleicht wenigstens Punkt 3 meiner Contra-Liste schon mal erledigt. Dann müsste ich selbst nur noch an den Punkten 1 und 2 arbeiten… So der Gedanke 😉

Heiko Reichelt, Gerald Wenge:
Klassenfahrten, Exkursionen, Wandertage

170 Seiten, 17 x 24 cm, broschiert, € 18,90
ISBN 978-3-7585-2146-1, Europa-Lehrmittel

Das Buch nimmt schon im Vorwort genau diese Sorgen auf, die ich habe. Und wohl auch andere. Es beginnt dann mit einer Einführung, in der eine Begriffsbestimmung vorgenommen und 12 Thesen zu Schulfahrten vorgestellt werden. Die folgenden Kapitel des Buches sind anhand von 9 typischen Situationen aufgebaut. An diesen werden die Ziele und Herausforderungen, die sich stellen, verdeutlicht und wie man letztere (hoffentlich) lösen kann. Grundsätzlich werden in jedem Kapitel (jeder Situation) die folgenden vier Bezugswissenschaften berücksichtigt: Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaft und Psychologie. 
Im ersten Kapitel wird eingegangen auf die möglichen Ziele sowie die Rahmenbedingungen in rechtlicher, inhaltlicher sowie finanzieller Art. Weiter geht es dann um die Planung, Durchführung, Dokumentation und Auswertung. Auch die Abrechnung und Erstattung der eigenen Kosten hat ein eigenes Kapitel verdient. 

Was mir, als BbS-Lehrerin, die ständig jammert, dass „wir“ vergessen werden, beim Lesen gleich positiv auffiel: Wir werden bedacht. Die Rahmenbedingungen des berufsbildenden Schulwesens erhalten in Tabellen eine eigene Spalte und wenn in einem Satz die Eltern stehen, stehen die Ausbilder bzw. Betriebe gerne direkt dahinter erwähnt. 

Das Buch kann durchaus als Leitfaden genutzt werden und im Grunde „abgearbeitet“ werden. Zu jedem notwendigen Punkt gibt es hilfreiche Tipps – zum passenden Zeitpunkt, einsetzbaren Web-Tools, Formulierungshilfen, konkrete Beispiele, mögliche Fallstricke (gerade im Hinblick auf Vertragspartner), …  Auch die veränderte Lehrerrolle während einer Schulfahrt (im Vergleich zum Schulalltag) wird betrachtet. 

Den (aus meiner Sicht – und scheinbar auch der der Autoren) größeren möglichen Problembereichen werden jeweils gleich mehrere Seiten gewidmet: 

  • die Aufsichtspflicht (Zeitraum, Ort, Inhalt, Haftung, etc.)
  • den typischen Gefahren (durch Ort, Klassenkonstellation, Wetter, etc.). 
  • kritische Situationen (Unfälle, Erkrankungen, Diebstahl, etc.)

Dass diese so ausführlich dargestellt werden, mit konkreten Ausführungen, lässt mich auf jeden Fall schon etwas beruhigter an eine mögliche Klassenfahrt denken!

An eine Fahrt schließt sich in der Regel eine Auswertung und Dokumentation an. Auch diese wird im Buch natürlich dargestellt – die notwendige, die mögliche, die sinnvolle. Ebenso mit vielen methodischen Möglichkeiten und den möglichen Zielsetzungen. Da habe ich doch gleich mögliche Arbeitsaufträge für meine Klasse im Hinterkopf!

Auch die eintägigen Fahrten (Exkursionen und Wandertage) erhalten jeweils ein eigenes Kapitel. Wie die Kapitel zu mehrtägigen Schulfahrten werden die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung mit vielen Beispielen ausgeführt. Diese Aspekte unterscheiden sich nur gering gegenüber mehrtägigen Fahrten, sodass manches nicht neu ist, aber die möglichen Ziele und Inhalte unterscheiden sich durchaus. Überflüssig scheinen die Kapitel trotzdem nicht – außerdem blättere ich später bei der Planung der nächsten Exkursion sicherlich lieber nur durch ein einzelnes Kapitel als durch alle vorherigen… 

Das Kapitel zur Abrechnung und steuerlichen Absetzung schließt dann den Rahmen. Auch hier werden wieder konkrete Beispiel aufgelistet, die einem helfen. Und ganz zum Abschluss gibt das Buch dann noch einen Ausblick auf die Zukunft der Schulfahrten.

Insgesamt bin ich nach dem Lesen des Buches beruhigter als zuvor. Ich habe noch nicht jeden einzelnen Abschnitt exakt durchgearbeitet. Aber dennoch ermutigt das Buch durch die konkreten Hilfen (zumindest mich), vielleicht doch mal auf Klassenfahrt zu fahren… Und ich weiß nun zumindest, dass ich einen Leitfaden und ein Nachschlagewerk an der Hand habe, in dem ich notfalls auch schnell fündig werde.
Ich werde das Buch sicherlich noch ein paar Mal aus dem Regal ziehen, werde es aber in ein schulisches Regal stellen, damit auch das übrige Kollegium etwas davon hat.

Zwei Anmerkungen hätte ich dann noch: 

  1. In der Begriffsbestimmung werden, ich nenne sie mal „Mini-Exkursionen“ von nur einer Doppelstunde nicht erwähnt. Sollten sie bei den Schulfahrten trotzdem mit gemeint sein, hätte ich Diskussionsbedarf bezüglich der These 1 „Schulfahrten werden sorgfältig geplant und vorbereitet.“ Denn die mache ich auch mal relativ spontan und stehe da auch voll hinter. 
  2. Die Autoren verkünden am Anfang des Buches, nach Möglichkeit geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden, ansonsten die männliche Form. Und dann wird immer von Lehrern gesprochen… War „Lehrkräfte“ wirklich keine Option? 

Und bitte verratet meiner Klasse noch nicht, dass Frau Helmutsdóttir jetzt vielleicht doch mit ihnen wegfährt. Aber trotzdem nicht nach Paris…

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