Medien, Schulalltag

Warum ich manchmal gern eine Digitalisierungsgegnerin wäre

Digitalisierung hier, Digitalisierung da. Digitale Bildung, zeitgemäße Bildung.
In meiner Bubble ist das Thema tagtäglich präsent. Es gehört dazu. Und eigentlich bin ich „pro“. Aber manchmal… da wäre ich wirklich voll und ganz eine Gegnerin des Ganzen. Einfach aus Prinzip, weil mich so manches aufregt.

Also, um das noch mal wirklich deutlich herauszustellen: Ich mag digitalen/zeitgemäßen Unterricht. Und ich bemühe mich auch nach Kräften, das voranzubringen bei uns in der Schule. Ich laufe durchaus mit dem iPad durch die Klasse, buche die Computerräume, das Tonstudio oder den Videoschnitt-Raum. Ich schlage vor, welche Apps wir noch benötigen für Projekte der Schüler*innen und setze das dann alles ein…

ABER.
Ich bin trotzdem die Böse, die manchmal auch die Handys abgeben lässt. Und Unterricht macht, in dem ich mit weißer Kreide etwas an die grüne Tafel schreibe und es von den Schüler*innen mit Stift auf Papier abschreiben lasse. Und wenn ich gut drauf bin, lege ich danach noch eine OHP-Folie auf und schreibe leicht unleserlich mit meinem Folienstift drauf. (Letzteres ist eine Freude für alle.)
Und ja, ich bin so vermessen zu behaupten, dass auch das guter Unterricht ist. (Also alltags-gut, nicht Unterrichtsbesuch-gut, wir wollen ja nicht übertreiben.)

Was mich jetzt so furchtbar aufregt?
Die Vorstellung, dass Digitalisierung von jetzt auf gleich passieren müsse, dass man alles nutzen solle, aber dann doch nicht alles, weil der Unterricht sonst zu gamifiziert wäre und diese App sei ja auch besser als die andere und wo wir gerade dabei sind: Lasst uns doch mal über Betriebssysteme diskutieren!
Es sind viele Kleinigkeiten.
Was allen Kleinigkeiten gemein ist? Es geht um die Technik, um das digitale. Mir fehlt das analoge, der Mensch! Das meint sowohl uns Lehrkräfte als auch die Schüler*innen.

Ein Wandel der Bildung kostet Arbeit & Kraft. Dafür benötigt es Ressourcen. Und die müsste ich erstmal finden. Ich unterrichte momentan 1,5 Stunden mehr als ich müsste, also 26 Stunden. Ich habe 2,5 Klassen als Klassenlehrerin. Ich engagiere mich nebenher noch in der VER. Ich bin in zwei IHK-Prüfungsausschüssen. Ich bin analogen Unterricht bisher gewohnt. Ich habe nur analoges Unterrichtsmaterial geerbt.

Tja, und wenn man dann mal anfängt mit dem digitalen, ne?
Ich habe dann mal kahoot genutzt. Um kurz darauf zu lesen, dass kahoot ja aber doof sei und nicht das, was man unter digitaler Bildung verstehe, dies, das, der Unterricht würde zur Spielstunde verkommen. Aha. Ja, DANN HALT NICHT. Dann fange ich eben erst gar nicht an.

Kurzer Einschub zu dem Spiele-Thema:
1. Wie steht es denn um analoge Spiele? Sind die auch schlecht?
2. Was ist überhaupt schlecht am spielen? Warum soll man denn Unterrichtsinhalte nicht auf diese Art festigen? Ich verstehe das nicht…

Zurück zu „Fange ich überhaupt mit irgendwas an oder lasse ich es lieber gleich?“
Lernen besteht doch aus ausprobieren, scheitern, neue Wege finden, Erfolgserlebnis, weiterarbeiten…? Oder?
Warum darf ich diesen Weg beim Thema der digitalen Bildung nicht gehen? Alles (Vieles), was ich lese, klingt nach „Man muss es gleich richtig machen“. Und dann lasse ich es halt lieber, sorry.

Neben mir als Lehrkraft sitzen da aber auch noch meine Schüler*innen mit mir im Raum. Und die Schüler*innen, mit denen ich viel arbeite, die scheinen bei all diesen Diskussionen auch nicht mitbedacht zu werden. Vorschläge für Projekte scheinen als Zielgruppe zu haben: Verantwortungsbewusste, reflektierte Schüler*innen, die Zugang zu diversen digitalen Geräten haben, damit umgehen können, …
Haha. Leute, ehrlich. Ich habe da Schüler*innen, die zwar ein Smartphone besitzen, aber außer instagram und TikTok nix nutzen auf diesem Gerät. (Snapchat ist ja auch schon wieder out.) Würde ich also beispielsweise Filme drehen lassen wollen, bedeutet das auch: Wir müssten bei Null anfangen. Story, Dramaturgie, Schnitt, … bei jedem einzelnen Schnitt müsste ich diese Schüler*innen an die Hand nehmen. Weil ein eigenständiges Arbeiten auch intellektuell zu anspruchsvoll ist. Und dann kommt die Technik noch oben drauf! Video schneiden?! Ich wüsste doch jetzt schon, dass ich das am Ende selbst machen müsste. Weil es anspruchsvoll ist und die Frustrationstoleranz meiner Schüler*inne niedrig bis nicht vorhanden ist.
Wenn Filme zu anspruchsvoll sind, soll ich etwas leichteres machen? Klar. Aber bitte keine Vorschläge, wo man Dateien auf dem Computer speichern muss. Denn im Deutsch-Unterricht (=Word-Unterricht) erkläre ich jede Woche wieder, wie man eine Datei speichert und was das Home- vom Group-Laufwerk unterscheidet. Also, nachdem ich zuvor für jede*n die Dateien der vorigen Woche wiedergesucht habe.
Warum die das nicht können? Weil sie es nicht kennen! Die kommen oftmals aus Familien, in denen nix toll lief und/oder kaum bis kein Geld vorhanden ist. Teilweise sind sie in Einrichtungen untergebracht. Und so ein Laptop für zu Hause? Genau, der kostet Geld. Wenn man denn überhaupt ein Zuhaus hat!

Diese Schüler*innen sind übrigens die, die ihr Handy abgeben müssen, richtig geraten. Weil sie es nicht schaffen, das Gerät für zwei Minuten aus der Hand zu legen und mir zuzuhören. Und wenn sie nicht in ihr Telefon schauen & sprechen, dann tauschen sie vielleicht gerade die letzten Erfahrungen aus dem Jugendarrest mit dem Sitznachbarn aus. Bei diesen Schüler*innen sind so viele andere Baustellen offen, bevor die Digitalisierung dran kommt. Konzentration, Lesen, Schreiben, Logisches Denken, Teamfähigkeit….
(Und jetzt kommt mir bitte nicht damit, dass heute niemand mehr mit der Hand schreiben können muss, weil es ja auch digital ginge. BITTE NICHT.)

Und auch in anderen Klassen, die ich habe, finde ich digital nicht immer sinnvoll(er). Oder wollen wir ernsthaft reale Anschauungsobjekte abschaffen und auf jegliche haptische Eindrücke verzichten?

Ich freue mich für alle, die in ihren Klassen Schüler*innen haben, mit denen sie all diese tollen digitalen Projekte machen können. Aber bitte seid euch doch bewusst: Ihr lebt da in einer Blase!
Und akzeptiert, dass es Lehrkräfte wie mich gibt, die so viele Kämpfe zu führen haben, dass digitale Spiele eine kleine Oase sind, die wir gern nutzen. Und wir einen kleinen Funken Hoffnung haben, dass über die Dinge, die ihr so belächelt (digitale Spiele, analoger Unterricht), ein kleines wenig hängen bleibt. Und unsere Schüler*innen einen kleinen Schritt weiter kommen. (Fachliche Lernziele sind sowieso nicht mein hauptsächliches Anliegen in diesen Klassen, aber das ist ein anderes Thema.)

Wenn ich für einen neuen Rant Zeit & Kraft finde, lasse ich mich auch noch mal über die Ethik-Thematik aus… Da regt mich auch so manches noch auf.

3 Gedanken zu „Warum ich manchmal gern eine Digitalisierungsgegnerin wäre“

  1. Bitte fühlen Sie sich „virtuell & digitalisiert“ ferngeknuddelt! Als ob meine Gedanken hier sprudeln… unfassbar gut und wohltuend! Vielen vielen Dank aus MäcVorPomm!

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