Gedanken

Von römischen Statuen, Selfies, Lippenstiften und Selbstliebe

Beim Bildungskongress BRU in Mainz, da hat mich eine Aussage etwas verzweifeln lassen. Es sollte wohl nur eine kleine Anekdot, ein Scherz sein. Aber ich finde ihn kritisch. Und ich möchte gerne etwas weiter ausholen und erklären, um zu erklären, was ich daran schwierig finde. Weil ich damit dann auch gleich mal ein paar weitere Aspekte hier in Worte fassen kann, die schon länger in meinem Kopf umherschwirren.

Die Aussage:

https://twitter.com/Helmutsdottir/status/1202543352840892418

„Statt des klassischen Dr.Oetker-Koch- und Backbuches gibt es ja heute unendlich viele Rezepte online. Naja, und dann gibt es natürlich auch noch so etwas wie Bibis Beauty-Palace, wo das wichtigste des Tages ist, dass einem der Lippenstift gut tut.“

Mein Problem?

1. Die Digitalität meiner Schüler*innen wird hier nicht ernst genommen. Auch wenn es bei meinen jetzt nicht gerade Bibi ist, sondern andere Influencer – das Grundproblem bleibt: Das, was meine Schüler*innen tagtäglich beschäftigt, was sie sich ansehen und anhören, das wird nicht ernst genommen. Es wird belächelt. Und das finde ich ebenso schade wie problematisch. Ich muss Bibi oder andere Influencer nicht toll finden. Aber ich muss es doch ernst nehmen als ein Teil des Lebens meiner Schüler*innen! Wenn das größte Hobby einer Schülerin Fußball wäre und das größte Hobby eines anderen Schülers Handball, würde ich mich dann nicht auch dafür interessieren? Es ist doch (ein wichtiger) Bestandteil ihres Lebens.
Und ich zumindest möchte meine Schüler*innen annehmen, wie sie zu mir kommen. Und ernst nehmen – in allen ihren Facetten. Ich lasse mir dann gerne etwas über Bibi & Co erzählen, wenn es dazu führt, dass meine Schüler*innen mich als jemanden erfahren, der ihnen zuhört und sich für sie interessiert.

2. Ich sehe aber noch ein andere Problem. Im zweiten Teil der Aussage: Dass es nicht wichtig sei, ob der Lippenstift neu sei / eine tolle Farbe habe / einem gut tue … Um das zu erläutern muss ich weiter ausholen.
Vor einigen Jahren las ich auf tumblr einen Beitrag über griechische/römische Statuen und Selfie-Kultur. Den ich leider nicht mehr wiederfinde.
Aber es ging um Folgendes: Die griechischen und römischen Statuen wurde erschaffen, damit andere sie bewundern konnten. Sie zeigten ideale Körper, die verherrlicht wurden. Es waren andere, die festlegten, was schön war und was nicht. Es waren nicht diejenigen, die Modell standen für die Statuen.
Und Selfies? Da legen die Fotografierenden selbst fest, in welchem Moment sie sich schön / stark / selbstbewusst genug fühlen, um es auf einem Foto festzuhalten. Es sind nicht mehr andere.
Und DAS halte ich für eine großartige Entwicklung. Ja, vielleicht mag es peinlich aussehen, wenn alle mit ihren Selfie-Sticks durch die Gegend rennen, aber so what?! Wenn Personen heute, und dabei habe ich vorallem Jungendliche vor Augen und insbesondere Mädchen, jetzt lernen, dass sie selbst genug sind und jedes Recht haben, sich und ihren Körper zu lieben, dann ist das vielleicht mal eine Generation, die etwas gestärkter groß wird. Denn Jugend-/Mädchenzeitschriften, die mich in meiner Pubertät begleiteten? Die waren rückblickend betrachtet wirklich grausam. Ich kann mich an eine Foto-Love-Story erinnern, in der die weibliche Protagonistin eine etwa zu enge Jeans kaufte mit dem Gedanken „Wenn ich da reinpasse, wird mich [Lukas, Tom, Alex, wieauchimmererhieß] endlich lieben. Es mag sein, dass das in der Story später versucht wurde aufzulösen, aber im Kopf blieb dieser Gedanke. Und auch der Rest solcher Zeitschriften war wenig aufbauend…

Und ich bin genauso großer Fan davon, festzuhalten, wenn einem der Lippenstift gefällt. Wenn er einem gut tut. Auch das kann aufbauend sein! Sich selbt sagen zu können: Hey, wenn ich den trage, fühle ich mich besser, es geht mir gut damit! Ich mag mich damit leiden.Selbstliebe ist etwas, das nicht immer einfach ist. Gerade in der Jugend. Aber ich habe das Gefühl, dass es den Schüler*innen, die da heute vor mir sitzen, besser gelingt als es mir und meiner Clique damals gelang. Der Eindruck mag täuschen, aber bei meinem Fazit bleibe ich trotzdem.

Tragt Lippenstift, folgt Influencern, macht Selfies, Oder eben auch nicht.
Aber macht, was euch selbst gut tut, sodass ihr euch im Spiegel anschauen könnt und das gerne tut!

PS. Passend zu den Stauen und Selfies möchte ich diese kleine Foto-Serie empfehlen: statue-selfies
Und dieses Projekt: inmemoryofme.fr

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